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Schnaps im Dienst
 
Die Dorfpolizei fuhr auch an diesem sonnigen Samstag im Herbst routinemäßig die Landstraße entlang, die sich in sanften Kurven durch die Felder schlängelte, beidseitig begrenzt von Büschen, Bäumen und dem Straßengraben. Siegfried, der den Streifenwagen steuerte und so um die sechzig Jahre alt war, unterhielt sich mit seinem sehr viel jüngeren Kollegen Mark, der wegen der gestrigen Party bei seinen Freunden über heftiges Unwohlsein jammerte.
"Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps", stichelte Siegfried schadenfroh, "wer saufen kann, kann auch arbeiten, alte Bauernregel!"
"Danke für deine moralische Unterstützung", krächzte Mark.
 
Am Straßenrand entdeckten sie nun ein verlassenes Auto, das mit weit geöffneter Beifahrertür halb im Graben stand. Siegfried hielt an.
"Merkwürdig, der Wagen ist nicht beschädigt, und sogar der Schlüssel steckt, aber ein Fahrer ist weit und breit nicht zu sehen", wunderte er sich.
Von beiden Nummernschildern waren die Zulassungssiegel abgekratzt. Siegfried fand durch eine Kennzeichenanfrage über Funk heraus, dass der Wagen vor einigen Tagen ordnungsgemäß abgemeldet wurde, und wer der letzte Besitzer war. Er rief nun dort an.
"Häfen", meldete sich eine männliche Stimme am Telefon.
"Kress, von der Polizeiwache Wildeshausen", antwortete Siegfried, "sind sie der Besitzer eines dunkelblauen VW Golf?"
"Nein, aber bis gestern war ich es noch, da habe ich den Wagen nämlich verkauft. An einen Landwirt, Wittmann ist sein Name. Ich kann Ihnen die Telefonnummer geben", antwortete Häfen.
Siegfried bedankte sich, und wählte die angegebene Festnetznummer.
"Wittmann", meldete sich dieses Mal eine weibliche Stimme.
"Hallo, Hermine, hier spricht Siegfried von der Polizei. Ist Karl zu Hause? Es geht um den VW Golf, den er gestern gekauft hat."
Hermine zögerte einen Augenblick, dann antwortete sie: "Nein, er ist nicht hier, sondern auf dem Weg zu eurer Wache, weil der Wagen letzte Nacht hier vom Hof gestohlen wurde."
Siegfried rief seine Dienststelle an, und sagte, dass Karl dort auf ihn warten soll.
In der Zwischenzeit hatte Mark das verlassene Auto durchsucht, abgeschlossen, und den Schlüssel eingesteckt. Dass er dabei überall seine eigenen Fingerabdrücke hinterließ, war eigentlich sehr schlechte Arbeit. Er überlegte, wie er sich dafür rechtfertigen konnte, falls das erforderlich sein sollte, aber mit seinen Kopfschmerzen fiel ihm das Nachdenken schwer. Immerhin konnte er jetzt unverfänglich begründen, warum seine Fingerabdrücke überhaupt auf diesem Auto zu finden waren. Siegfried entging das alles nicht, dafür war er ein viel zu guter Polizist. Er sagte jedoch nichts.
 
"Ja ja", gab Karl zu, als er auf der Polizeiwache erfuhr, dass sein Auto bereits wieder aufgetaucht war, "ich habe den Wagen gestern gebraucht gekauft, und dummerweise den Schlüssel stecken lassen. Wer ahnt denn auch, dass sich nachts jemand auf unserem Bauernhof herumtreibt und ein abgemeldetes Auto klaut? Möchte nur wissen, warum das Mistvieh von Köter nicht angeschlagen hat."
"Also gut", schlug Siegfried vor und holte eine Flasche und zwei Schnapsgläser aus dem unteren Fach in seinem Schreibtisch, "du bekommst dein Auto wieder und verzichtest vielleicht besser auf eine Anzeige. Das erspart dir eine Menge unangenehmer Fragen und uns eine Menge Papierkram. Ich möchte jetzt lieber gar nicht wissen, wie du den abgemeldeten Wagen vom Verkäufer bis zu deinem Hof befördert hast, gehe aber mal davon aus, dass du selbstverständlich nicht etwa damit, verbotenerweise, über öffentliche Straßen gefahren bist. Den Zündschlüssel in einem unbeaufsichtigten, fahrbereiten Auto stecken zu lassen, könnte dir außerdem als Verleitung zum Diebstahl ausgelegt werden, was irgendjemand ja dann offensichtlich auch in die Tat umgesetzt hat. Vermutlich haben sich irgendwelche Bengel aus dem Dorf, die wir sowieso nicht erwischen, diesen dummen Streich erlaubt, es sieht jedenfalls nicht so aus, als ob das Fahrzeug für eine Straftat gebraucht wurde, ansonsten hätte ich hier längst etwas vorliegen." Er drückte Karl den sichergestellten Autoschlüssel in die Hand, und nach dem zweiten Doppelkorn hatte man sich auf diese Lösung geeinigt. Die Flasche verschwand wieder im Schreibtisch.
 
Mark saß im selben Raum vorm Computer, und atmete erleichtert aus. Nicht, weil sein Kollege ihm soeben das lästige Tippen eines Berichtes erspart hatte, sondern weil er sich nun keine Gedanken mehr um die Sache mit den Fingerabdrücken machen musste.
Nachdem Karl gegangen war, schaute Siegfried seinen Kollegen grinsend an, der daraufhin einen roten Kopf bekam und, nur um das unangenehme Schweigen zu unterbrechen, nuschelte: "Hast du mir nicht vor kurzem noch gesagt, Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps? Gerade sah es so aus, als ob Schnaps zum Dienst gehört."
"Kannst du dir denken, warum Karl sein alter Schäferhund nicht laut gebellt hat, als sein Auto vom Hof verschwunden ist?", gab Siegfried ungerührt zurück, "vielleicht, weil er die Diebe kannte, was meinst du? Sollte ich da mal etwas genauer nachforschen? Du kennst doch bestimmt jemanden, der schon als Kind mit seinen Freunden immer bei Bauer Karl im Sandkasten gespielt hat, oder?"
Siegfried sein Grinsen wurde breiter, als er die Notizen, die er sich gerade gemacht hatte, zerriss und in den Papierkorb warf. "Ich war ja selbst mal jung", bemerkte er noch beiläufig, "aber noch einmal kommen mir diese Bengel nicht so einfach davon."
 
Mark drehte sich wieder zum Monitor herum, und tat so, als ob er irgendetwas in den Computer eingeben müsste.
Er war letzte Nacht reichlich betrunken von der Party nach Hause getorkelt, gemeinsam mit zwei Freunden, die Abkürzung über Karls Bauernhof entlang. Einer von ihnen fasste aus Jux an die Autotür: "Hey, die ist ja offen…"
 
Dass der Vorbesitzer den Wagen mit fast leerem Tank verkauft hatte, merkten die Drei erst nach zwei Kilometer Fahrt auf der Landstraße.
 
 
 
 

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