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Die Wirklichkeit ist frei erfunden
 
 
 
Der Sinn des Lebens ist so leicht zu finden, wie das Ende des Universums.
 
Lee Achim legte, ein bisschen verwirrt, das Buch zur Seite, nachdem er es zu Ende gelesen hatte. Es war auf etwas seltsamen Wegen zu ihm gekommen, genau gesagt, hatte er es in seinem Heimatort, Monheim am Rhein, auf einem öffentlichen Fernsprecher gefunden, der an einem Pfosten befestigt war, also ungeschützt dem Wetter ausgesetzt. Das Buch war in einer durchsichtigen Plastiktüte eingepackt, damit es bei Regen nicht nass wurde, und auf der Tüte stand, mit blauem Filzstift geschrieben: "Nimm mich mit".
 
Neugierig war Lee Achim dieser Aufforderung gefolgt. Der Titel "Dein Spiel" klang interessant, und er fand sich, auf seltsame Weise, in der Geschichte irgendwie als Hauptfigur wieder. Ja, es stimmte, er hatte sich schon mal gefragt, warum er auf dieser Welt war, aber keine Antwort darauf gefunden. Ihm war in seinem bisherigen Leben allerdings auch noch niemand begegnet, der eine wirklich verständliche Antwort darauf wusste. Selbst Sigmund Freud hatte sich seinerzeit herausgeredet, indem er einfach behauptete, wer über den Sinn des Lebens nachdenke, sei krank.
 
Das Buch endete mit den Worten:
"Lieber Leser, du wirst bald erfahren, wer du wirklich bist, und du wirst finden, wonach du schon dein ganzes Leben lang suchst. Der Weg dorthin ist beschwerlich und psychisch schmerzhaft, aber das Ziel ist es wert. Der Weg gehört zu dem Spiel, dass die Menschen "Leben" nennen, und in dem auch du gerade mitspielst, weil du es so wolltest. Du selbst hast dir für die Wahrheit, kurz vor deiner Geburt, ein gutes Versteck ausgedacht, damit du sie nicht so leicht wieder findest, denn genau dass ist der Reiz dieses Spiels. Die meisten Menschen finden die Wahrheit über ihr Leben nie heraus, sie suchen vielleicht auch nie danach. Du hast dir ausgesucht, sie zu finden. Es gibt jetzt, da du dieses Buch zu Ende gelesen hast, kein zurück mehr für dich, weil dein Bewusstsein, die Menschen nennen es Unterbewusstsein, schon vorher eine Entscheidung getroffen hat, und das ist der Grund, warum dieses Buch zu dir gekommen ist."
 
Einige Tage später, Lee Achim dachte nicht mehr an das Buch, tauchten in seinem Heimatort mehr und mehr Autos mit dem Kraftfahrzeugkennzeichen MYK auf.
"Seltsam", dachte er sich, "die sieht man doch hier sonst eigentlich fast nie."
Das stimmte, denn das Kennzeichen von Monheim war ME.
Es war nicht anzunehmen, dass die Fahrzeuge irgendwie miteinander in Verbindung standen, dass die Fahrer sich also kannten, etwa, weil sie zu einem Familientreffen hierher gekommen wären. Es waren immer wieder andere Fahrzeuge, sogar Lastwagen und Traktoren, zu den unterschiedlichsten Tageszeiten, und es wurden immer mehr.
 
Lee Achim merkte nicht, was das MYK mit ihm machte.
 
Vor über zwanzig Jahren hatte er auf einer Party die damalige Studentin Isa kennen gelernt. Die hatte ihn zu sich nach Hause eingeladen, und einige Wochen später war er auch dort hingefahren, ins knapp hundert Kilometer entfernte, ebenfalls am Rhein gelegene Gebiet weiter südlich, man konnte auch sagen, stromaufwärts, dorthin, wo das Kraftfahrzeugkennzeichen MYK sozusagen zu Hause war.
 
Lee Achim merkte nicht, dass ihm diese ganzen Fahrzeuge, die aus scheinbar unerfindlichen Gründen in seiner Region auftauchten, und die ihm, sobald er seine Wohnung verließ, wieder und wieder dieses MYK vor Augen führten, immer tiefer in genau diesen dunklen Abschnitt seiner Vergangenheit zurückführten.
 
Er war damals 24 Jahre alt, und noch ziemlich unerfahren, was Frauen anbetraf, weil er schüchtern und selbstunsicher war. Er hatte sich in Isa verliebt, sie war in seinem Alter, und er erhoffte sich einiges, vielleicht sogar eine gemeinsame Zukunft. Er hatte eine innere Verbundenheit mit ihr gespürt, das ging so weit, dass er ihr sogar sagen konnte, welche Sorte von Wein sie am liebsten trank, worüber sie immerhin erstaunt war. Vielleicht fand sie ihn deshalb interessant genug fürs Bett.
 
Sie war ziemlich erfahren, was Männer anbetraf, und hatte längst aufgehört, ihre Affären zu zählen. Sie hatte ihm klargemacht, dass sie nur auf der Durchreise zum nächsten Abenteuer war. Er dachte noch lange an sie, so, als wäre sie die einzige Frau auf der Welt. Sie hatte ihn eine Woche später wieder vergessen, schließlich war er nicht der einzige Mann auf der Welt.
 
Jetzt, da diese Autos mit dem Kennzeichen MYK ihm ständig über den Weg fuhren, fiel ihm seine große Niederlage mit Isa langsam wieder ein. Sie schlich sich in seine Gedanken, erst zaghaft, dann immer bestimmter, schließlich war sie so präsent, als wäre er gestern erst bei ihr gewesen. Er verfluchte das, weil er froh war, dass er längst nicht mehr über diese Geschichte nachdachte, und jetzt war alles wieder hellwach, seine ganze Enttäuschung mit Isa, die damals so schmerzhaft für ihn gewesen war. Auch kleinste Details kamen wieder in sein Gedächtnis zurück: wie sie ihn ausgelacht hatte, weil er so unerfahren mit Frauen war. Wie sie mit ihren eigenen Erfahrungen vor ihm prahlte, gerade so, als würde sich der Mann, den sie vielleicht mal heiratete, darüber freuen, dass sie schon jeden seiner Freunde ausprobiert hatte.
Er kam nicht gegen seine Gedanken an, so sehr er es auch versuchte.
 
Zwei Wochen später gab Lee Achim seinen Grübeleien nach, und fuhr mit seinem DeLorean dorthin, wo er seit damals nicht mehr gewesen war, dorthin, wo er Isa vor langer Zeit besucht hatte, weil er sich erhoffte, dadurch irgendwie endgültig mit diesem Ereignis aus seiner Vergangenheit abschließen zu können. Ja, er fuhr dorthin, weil er hoffte, dass ihm dort die Einsicht kam, wie verrückt seine Gedanken über diese alte Geschichte waren.
Er parkte vor dem Haus ihres Vaters, das direkt am Rheinufer stand. Er erinnerte sich an den besonderen Baustil, mit zwei Wendeltreppen im offenen Wohnzimmer, die in die obere Etage führten, die von Isa damals, während ihrer Semesterferien, wieder bewohnt wurde. Sie hatte es nicht nötig gehabt, in ihrer Freizeit zu arbeiten. Ihr Studium, und ihre Urlaubsreisen rund um die Welt, wurden von ihrem Vater finanziert.
 
Er erinnerte sich aber auch daran, dass die Wände in der oberen Etage des Hauses merkwürdige Risse hatten, beinahe so, als ob alles einzustürzen drohte. Er erinnerte sich daran, dass Isa trotz ihrer Erfahrungen nicht gut küsste, dass einer ihrer Zähne faul war, genau dort, wo Vampire den linken, oberen Reißzahn haben. Er erinnerte sich, wie sie abends im Kino gemeinsam einen grauenhaften Film gesehen hatten, in dem Gorillas von Wilderern abgeschlachtet wurden. Er erinnerte sich, dass wenige hundert Meter vom Haus ihres Vaters entfernt, den Rhein stromaufwärts, ein stillgelegtes Atomkraftwerk vor sich hinstrahlte. Er hasste Kernkraftwerke.
Lee Achim beschlich ein ungutes Gefühl, als er jetzt an dieses eine Wochenende mit Isa zurückdachte. Er spürte deutlich die negative Energie, die ihn hier umgab, und war versucht, sofort in seinen Wagen zu steigen, und diesen Ort zu verlassen. Eine idyllische Umgebung stellte er sich anders vor, ganz anders. Aber er blieb vorläufig noch hier.
 
Er suchte im Ort eine Bäckerei, in der er einen Kaffee trinken konnte, fand aber keine. Er sollte auch keine finden, damit er nicht länger, als notwendig, in dieser Kleinstadt blieb. Er war jetzt schon am Ende seiner psychischen Kräfte, auch, wenn er es selber noch nicht so richtig merkte.
Seine seelischen Wunden waren längst zu Narben geworden, und die hielten ganz gut, vorausgesetzt, er kratzte nicht zu heftig daran herum.
Als er am Rheinufer entlang ging, das stillgelegte Atomkraftwerk strahlte dort immer noch im alten Glanz, grüßte ihn eine Frau, etwa in seinem Alter, die ihn unmöglich kennen konnte. Oder vielleicht doch? Lee Achim grüßte zurück, überlegte, ob er ein Gespräch mit ihr anfangen sollte, aber sein Blick schweifte jetzt weiter zu einer Parkbank, auf der drei fröhliche Stadtstreicher saßen, die sich an diesem sonnigen Freitagmorgen schon das Bier und den Jägermeister schmecken ließen. Einen Augenblick lang hielt er inne und überlegte, ob er sich dazu setzen sollte, aber dann besann er sich. Lieber würde er direkt in den Rhein springen und ertrinken, als dass er noch einmal der Alkoholsucht verfiel, von der er sich vor Jahren mühsam befreit hatte. Er hatte gelernt, dass Alkohol auf Dauer nicht glücklich macht, deshalb war ihm klar, dass auch die Stadtstreicher in Wirklichkeit nicht glücklich sein konnten. Was, fragte er sich, führte ihn hier in Versuchung?
Es kam ihm so vor, als ob ihn irgendetwas, oder irgendjemand, hier festhalten wollte, aber das war kein gutes Etwas, oder kein guter Jemand. Er hatte genug "Vergangenheit" eingeatmet, mehr konnte er nicht verkraften. Er fühlte sich plötzlich von den Menschen hier bedroht.
 
Die Frau und die Stadtstreicher waren aufgetaucht, damit er diesen Ort schnellstens verließ, nicht, damit er hier blieb.
 
Diese Zusammenhänge bemerkte Lee Achim nicht, alles sah für ihn willkürlich und zufällig aus. Das gehörte zum Spiel, denn wenn es nicht so ausgesehen hätte, wäre es kein Spiel gewesen.
Damit die Menschen nicht durchschauten, was wirklich in ihrem Leben ablief, gab es solche Dinge wie Horoskope, mit denen sie sich ausgiebig beschäftigen konnten, damit sie von der Wahrheit abgelenkt wurden, die sie vor sich selbst versteckten. Manche Menschen suchten sogar ihre Lebensgefährten nach dem Horoskop aus, und wunderten sich anschließend, dass die Beziehungen trotzdem scheiterten.
Damit die Wahrheit auch gut versteckt war, befand sie sich bei jedem Menschen woanders, aber immer hinter einer Mauer aus starken, psychischen Schmerzen verborgen, die keiner freiwillig ertragen wollte. Dunkle Ereignisse aus der Kindheit waren, zum Beispiel, so ein Versteck. Oder enttäuschte Liebe, persönliche Niederlagen, an die man sich lieber nicht erinnerte. Unter normalen Umständen vermied es deshalb jeder Mensch, danach zu suchen, oder auch nur in die nähe dieser inneren Mauer zu kommen, durch die der Weg zur Wahrheit führte.
 
Lee Achim erreichte seinen Wagen, schwang sich dann, eine unbestimmte Panik breitete sich in seinem Kopf aus, in den DeLorean, startete den Motor, und verließ, jetzt richtig panisch, diesen Ort. Er dachte daran, wie idiotisch es von ihm war, überhaupt hierher gefahren zu sein, zurück in seine eigene, psychisch schmerzhafte Vergangenheit, zurück zu einer so großen Enttäuschung.
"Nur weg hier, möglichst schnell möglichst viele Kilometer weg von dieser Stadt", schoss es ihm durch den Kopf. Nie wieder würde er hierher zurückkommen, es reichte, zwei Mal im Leben hier gewesen zu sein.
 
Lee Achims Gedanken spielten verrückt, weil ihm schlagartig klar wurde, dass genau diese Effekte in dem Buch "Dein Spiel" beschrieben waren: "Es wird dir bald psychisch sehr schlecht gehen. Dein Bewusstsein wird dich dort hinführen."
Er konnte nicht glauben, dass ein einfaches Buch eine solche Macht über ihn besaß.
 
Isa würde er bestimmt nie wieder sehen, ja, wahrscheinlich nicht einmal wieder erkennen, wenn sie ihm über den Weg lief.
Aber um Isa ging es für Lee Achim in Wirklichkeit gar nicht, obwohl er das im Moment noch vermutete, weil ihm keine bessere Erklärung für sein absurdes, scheinbar sinnloses Handeln einfiel.
In Wirklichkeit hatte ihn sein Bewusstsein auf diese psychische Zeitreise geschickt, weil einige Dinge in sein Leben zurückkehren mussten, die er seit langer Zeit, mehr oder weniger erfolgreich, verdrängt hatte.
 
In den nächsten Tagen fiel Lee Achim auf, dass die Fahrzeuge mit dem Kennzeichen MYK in Monheim nach und nach verschwanden. Sie waren nur aufgetaucht, um die Ereignisse in seinem Leben in eine bestimmte Richtung zu steuern, und dieses Ziel war erreicht.
 
Lee Achim hatte nun einen Weg in seinem Leben eingeschlagen, der ihm den Sinn des Lebens ganz deutlich vor Augen führen sollte.
 
Der Planet Zaxrolon war so weit von der Erde entfernt, dass die Menschen von seiner Existenz noch nicht einmal etwas ahnten, ja, er lag sogar weit außerhalb ihres Sonnensystems. Die Menschen glaubten, fast alles zu wissen, aber sie wussten nicht, wie weit das Weltall reichte, sie konnten nicht plausibel erklären, wie weit es sich ausdehnte, was Grenzenlosigkeit überhaupt bedeutete. Genau genommen, wussten die Menschen so gut wie nichts, nicht einmal, was auf ihrem eigenen Planeten wirklich vor sich ging.
Jedes Kind hatte ein Gespür für Grenzenlosigkeit, aber je mehr ein Mensch dem Kindesalter entwuchs, desto mehr Grenzen baute er sich selber auf, ohne es zu merken. Das Leben hatte gefälligst logischen Vorstellungen zu entsprechen, damit man es sich erklären konnte.
Als Kind war dem Menschen die Welt ziemlich klar, aber wenn er alt wurde, und starb, wusste er im Normalfall nichts mehr, weil alles unter der Logik verschwunden war.
 
Die Bewohner der Erde hatten Fußballfelder und Golfplätze erfunden, um darauf zu spielen.
Die Bewohner von Zaxrolon hatten die Erde erfunden, um darauf zu spielen.
 
Fortsetzung folgt vielleicht...
 
 
 
 

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