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Das Beweisfoto
 
Sixtus schaute auf die Uhr. In zehn Minuten wollte er es bis zum Supermarkt schaffen, sonst bekam er heute keine preisgünstigen Getränke mehr. Also gab er etwas mehr Gas und wurde plötzlich von einem Blitzlicht geblendet. "Verdammt, diese blöde Radarfalle habe ich ganz vergessen", sagte er zu sich selbst, "da hätte ich den Kasten Bier auch gleich bei mir nebenan am Kiosk kaufen können."
Er erreichte den am Stadtrand gelegenen Supermarkt fünf Minuten vor Ladenschluss und eilte hastig hinein. Wenigstens das hatte noch rechtzeitig geklappt. Für die Fahrt nach Hause ließ er sich Zeit. Dort angekommen, öffnete er sogleich eine Flasche Bier und setzte sich vor seinen Fernseher, um sich wahllos von irgendeiner Sendung berieseln zu lassen.
 
Einen Tag später, Sixtus mähte gerade den Rasen vor dem Haus, kam die Polizei bei ihm vorbei. Die Beamten waren in Zivil, offensichtlich von der Kripo, und Sixtus erkannte das schon vom Weiten. Für so etwas hatte er einen fast untrüglichen Instinkt.
"Herr Fleitmann?", fragte einer der beiden.
"So ist es, junger Mann. Was verschafft mir die Ehre?"
"Mein Name ist Brüne, und das ist mein Kollege Erdmann, von der Kriminalpolizei. Können wir vielleicht einen Augenblick ins Haus gehen?"
"Wenn´s sein muss", gab Sixtus zurück und stellte den Rasenmäher ab. Er führte die ungebetenen Gäste in seine Küche.
"Wo waren sie gestern Abend?", begann Brüne das Gespräch sogleich mit einer Frage.
"Erst einkaufen, dann zu Hause", erwiderte Sixtus, und, bevor der Kripobeamte weiterfragen konnte, "ich war den ganzen Abend alleine."
"Herr Fleitmann", eröffnete Brüne ihm ohne Umschweife, "wir müssen ihnen leider mitteilen, dass sie im dringenden Verdacht stehen, den Spätschalter der Bank an der Steinstraße überfallen zu haben. Auf dem Beweisfoto ist eindeutig ein Mann mit ihrer Statur zu erkennen."
"Aha. Meinen Sie nicht, dass so etwas ein paar Nummern zu groß für mich ist?", fragte Sixtus. Er war bei der Polizei bekannt, weil er in der Vergangenheit des Öfteren in Bürogebäuden eingebrochen war, in denen ein Tresor stand.
"Wären sie bereit zu einer Gegenüberstellung mit der Kassiererin?", fragte Brüne.
"Also ist das Foto wohl doch nicht so deutlich?", forschte Sixtus nach.
"Das Gesicht des Räubers war natürlich maskiert", entgegnete Brüne, "aber trotzdem sind sie dringend tatverdächtig. Das Kraftfahrzeugkennzeichen des Fluchtfahrzeuges, das die Kassiererin sich notiert hat, stimmt mit ihrem überein. Und der Wagentyp auch: silberner Passat. Was sagen sie dazu?"
"Was?", entgegnete Sixtus, "das kann ja wohl nicht sein. Wer ist denn so blöd, und fährt mit seinem eigenen Auto zu einem Überfall? Die Kassiererin muss sich irren!"
 
Es half nichts, er musste mit zur Polizeiwache. Die Kassiererin erkannte ihn sofort: "Ja, das ist die gleiche Statur und die gleiche Stimme. Der war es!", behauptete sie aufgeregt.
Sixtus erkannte seinerseits auch die Kassiererin wieder. "Hallo, Herma", sagte er, "tut mir leid, dass unsere Beziehung in die Brüche gegangen ist. Aber deshalb brauchst du doch nicht gleich zu versuchen, mir aus Rache einen Banküberfall anzuhängen. Was soll das?"
"Der war es!", behauptete sie weiterhin.
Kommissar Brüne war offensichtlich erstaunt über diese Entwicklung und meinte: "Tut mir leid, aber ich muss sie bis zur Klärung der Umstände vorläufig festnehmen. Diese Aussage wiegt zu schwer."
Sixtus konnte ihm seine Zweifel an der Geschichte förmlich ansehen. Aber das half ihm nichts. Er sah sich bereits im Knast sitzen. "Herma, das kannst du doch nicht machen!", rief er, "sag doch, dass ich es nicht war!"
Er überlegte fieberhaft, und plötzlich fiel es ihm ein.
"Wann, sagten sie, war das mit dem Überfall?", fragte er Brüne.
"Gestern, kurz vor zwanzig Uhr", antwortete der.
Sixtus sagte erleichtert: "Ja, dann habe ich doch ein Alibi. Sogar ein Beweisfoto. Es befindet sich in der stationären Radarkontrolle an der Poststraße, also am anderen Ende der Stadt."
"Wir beide sprechen uns noch", sagte Brüne zu Herma, die nun den Kopf senkte und auf den Boden starrte.
 
 
 
Ein falscher Zeuge
 
Darius stieß an diesem Freitag gegen einundzwanzig Uhr die Eingangstür auf und betrat die Kneipe. Er wohnte direkt darüber und hatte es daher nicht weit, brauchte nur die Treppe hinunterzugehen und nach der Haustür links herum.
"Hallo, Rocco", grüßte er den Wirt, "machst du mir `n Bier?"
"Klar", antwortete der und legte den Telefonhörer auf.
 
Darius erblickte seinen alten Schulfreund Siegbert an einem der kleinen, hohen Tische und setzte sich auf einem freien Barhocker zu ihm. Siegbert erzählte begeistert von seiner tollen neuen Position als Abteilungsleiter, zu der er kürzlich befördert worden war.
"Ich wurde auch befördert", merkte Darius an, "vor einem halben Jahr. Auf die Straße, entlassen."
"Ach? Wo war das denn?", fragte Siegbert.
"Na, in diesem blöden Roxo Baumarkt, von dem ich dir erzählt habe, als wir uns das letzte mal getroffen haben. Ich dachte, mit meinen zweiundvierzig Jahren hätte ich nun endlich mal einen guten Job. Aber das stellte sich mal wieder als Irrtum heraus. Der ganze Baumarkt ist vom Personal her unterbesetzt. Also musste ich auch in allen anderen Abteilungen mit einspringen. Die Werkzeugabteilung war für mich als Schlosser ja kein Problem, aber von Tapeten und Farben hatten die Kunden mehr Ahnung als ich", erzählte Darius.
Siegbert meinte: "Ist doch egal, dann lernst du eben etwas Neues. Hauptsache, das Geld stimmt."
"Pah", meinte Darius verächtlich und bestellte zwei neue Biere, "in dem Drecksladen stimmte überhaupt nichts. Weißt du, was der Marktleiter zu mir gesagt hat?"
"Ne, was denn?"
"Wenn ich es hier zu etwas bringen wolle, müsse ich Ehrgeiz zeigen."
"Das ist überall so", entgegnete Siegbert, "ohne dem wäre ich jetzt auch noch nicht Abteilungsleiter."
Darius trank einen großen Schluck Bier und erzählte weiter: "Zwanzig Überstunden pro Woche wären nicht schlecht. Selbstverständlich ohne Bezahlung oder Freizeitausgleich. Aber in der Beziehung habe ich mich nicht bewährt, deshalb war ich auch nach fünf Monaten fällig."
"Das ist ja ein Ding", murmelte Siegbert nachdenklich und nippte an seinem Bier.
 
"Ist hier ein Herr Darius Kulig anwesend?", fragte jemand den Wirt.
Darius drehte sich um und erblickte zwei Streifenpolizisten. "Hier bin ich. Steht mein Auto im Halteverbot? Ich habe einen Anwohnerausweis", sagte er.
"Wir kommen nicht wegen ihres Autos, sondern wegen ihnen. Wie lange sind sie schon hier?", fragte einer der Polizisten. Sie kamen nun auf ihn zu.
"Weiß ich nicht, hab nicht so genau auf die Uhr gesehen. Seit einer Stunde vielleicht", entgegnete Darius, "warum wollen sie das wissen?"
Der kleinere Polizist ging zum Tresen, fragte den Wirt etwas, kam zurück und sagte zu seinem Kollegen: "Seit fünf vor neun. Der Wirt weiß es genau, weil er gegen neun Uhr immer mit seiner Frau telefoniert. Also erst seit einer knappen halben Stunde."
"Kann auch sein. Was soll das? Was wollen Sie von mir?", fragte Darius.
"Wir müssen sie bitten, mit zur Wache zu kommen, Herr Kulig. Alles weitere erklären wir ihnen dort", sagte der Polizist.
"Und wenn ich keine Lust dazu habe?", giftete Darius die beiden an.
"Bitte machen Sie uns in ihrem eigenen Interesse keine Schwierigkeiten, sonst müssen wir sie gewaltsam mitnehmen. Es geht um eine wichtige Sache", bohrte der Polizist nun energisch und legte seine Rechte auf die Handschellen, die er am Hosenbund trug.
Siegbert mischte sich ein: "Mein Freund ist etwas schlecht gelaunt, weil er sich gerade über seinen ehemaligen Job bei Roxo geärgert hat. Verständlicherweise."
"Aha. Das ist ja interessant. Bitte geben Sie uns doch gleich mal ihre Personalien, vielleicht brauchen wir diese Aussage noch", erwiderte der Polizist und zückte ein Notizbuch.
"Ich versteh nicht…", Siegbert biss sich auf die Unterlippe.
 
Darius wurde zur Wache gebracht. In den Etagen fünf und sechs des zehnstöckigen Gebäudes waren die Büros der Kriminalpolizei, und genau dorthin bugsierten die Beamten ihn. Sie betraten einen Raum, auf dessen Türschild der Name `Konopatzke´ stand. Hinter dem Schreibtisch saß ein gedrungener, einen Meter fünfundsechzig großer Kripobeamter, den Darius auf Ende fünfzig schätzte. Die Streifenpolizisten legten einen Zettel auf seinen Tisch.
"Setzen sie sich, Herr Kulig. Möchten sie einen Kaffee", fragte Konopatzke freundlich, während er die Notizen las.
"Ich möchte endlich wissen, was hier gespielt wird", murrte Darius.
"Gut. Also, Herr Kulig, sie waren bis vor einem halben Jahr im Roxo Baumarkt beschäftigt?"
"Na und? Ist das verboten?"
"Natürlich nicht. Weshalb haben Sie dort aufgehört?"
"Weil ich gekündigt wurde."
"Warum?"
Darius erzählte die Geschichte noch einmal. Allerdings stellte er die Sache nicht mehr so negativ dar.
Konopatzke hörte aufmerksam zu. Dann sagte er: "Also waren sie in der Werkzeugabteilung tätig. Hm. Und wo waren sie heute, bevor sie um kurz vor neun die Kneipe betraten?"
"Zu Hause, verdammt noch mal."
"Hat sie zwischen sieben und acht Uhr jemand dort gesehen?"
"Nein, wahrscheinlich nicht. Ich wohne alleine."
"Was haben sie zu Hause gemacht? Vielleicht mit jemandem telefoniert?"
"Nein, ich lag auf dem Sofa und war eingenickt. Als ich wach wurde, bin ich runter in die Kneipe."
Konopatzke änderte die Gesprächsrichtung: "Wie war das eigentlich bei Roxo mit den Kassenbeständen? Wo wurden die nach Ladenschluss hingebracht?"
Darius zuckte mit den Schultern: "Keine Ahnung. Natürlich wurden die Kassen geleert, aber das haben die Kassiererinnen gemacht, damit hatte ich nichts zu tun. Ich war mehr als genug mit meiner Abteilung beschäftigt."
 
Konopatzke schwieg eine Weile. Dann beugte er sich etwas über den Schreibtisch und erklärte: "Herr Kulig, sie waren fünf Monate dort beschäftigt und in dieser Zeit mehrmals im Büro des Marktleiters, das sich im ersten Stockwerk befindet, also in einem für die Kunden gesperrten Bereich. Wollen Sie mir ernsthaft erzählen, sie hätten den zwei Meter hohen Tresor dort übersehen?"
Darius schluckte. "Nein", antwortete er, "natürlich nicht. Wahrscheinlich lag das Geld da drin."
"Lag? Liegt es denn jetzt nicht mehr dort?", wollte Konopatzke wissen.
"Woher, verdammt noch mal, soll ich das wissen?", brauste Darius auf.
"Dann erzähle ich es ihnen: Es liegt nicht dort, weil der Baumarkt heute nach Ladenschluss, so gegen zwanzig Uhr zehn, überfallen wurde", sagte Konopatzke und ließ Darius dabei keine Sekunde aus den Augen.
"Wie? Was?", stotterte der, "hat etwa jemand den Tresor geknackt? Das hätte ich nicht für möglich gehalten."
Jetzt drehte sich der zweite Kripobeamte, der die ganze Zeit auf einer mindestens dreißig Jahre alten Schreibmaschine herumgetippt hatte, auf seinem Drehstuhl um und brüllte: "Herr Kulig, jetzt reicht ´s! Verkaufen Sie uns nicht für blöd! Wir können auch anders!"
"Ruhig, ruhig, Peter, ich mach das schon", schlichtete Konopatzke, "also, das Geld wurde aus dem Tresor entwendet, als dieser bereits geöffnet war, um die Tageseinnahmen dort einzulagern. Und über diesen Ablauf weiß jeder Angestellte, der länger als eine Woche dort arbeitet, bestens Bescheid, weil der Weg zum Aufenthaltsraum, zum Umkleideraum und zu den Toiletten dort vorbeiführt und das Marktleiterbüro vom Gang aus durch eine große Glasscheibe bestens einzusehen ist. Jemand, der sich dort auskennt, brauchte sich nur unbemerkt die Treppe hinaufzuschleichen und darauf warten, dass der Tresor geöffnet wurde. Gegen die Bedrohung mit einer Schusswaffe würden der Marktleiter und die Kassiererinnen wenig Widerstand leisten, und deshalb klappte das alles auch sehr gut. Sie kannten sich dort aus und hatten außerdem noch eine Rechnung mit dem Baumarkt offen, weil sie gefeuert wurden. Ein Kinderspiel, sie als Täter ausfindig zu machen."
"Dass ich nicht lache. Da kommen zig andere in Frage, die dort gearbeitet haben. Die Angestellten werden dort doch schneller ausgewechselt, als irgendein Artikel sich verkauft. Und da wollen sie mir jetzt, zwei Stunden nach dem Überfall, das Dingen anhängen? Ich werde jetzt nach Hause gehen, und wenn ihr noch Fragen habt, dann wendet euch an meinen Rechtsanwalt", blaffte Darius und stand auf.
"Setzen sie sich wieder", forderte Konopatzke ihn auf. Er schaute zu seinen Kollegen: "Peter, hol doch bitte mal die Zeugin hinein."
Darius fiel auf seinen Stuhl zurück. Eine brünette, schlanke Frau, mitte dreißig, betrat den Raum.
"Frau Schling, kennen sie diesen Mann?", fragte Konopatzke sie. Die Frau musste neu bei Roxo sein, denn Darius hatte sie noch nie gesehen. Sie schaute ihn eine Weile an und sagte: "Nein, ich glaube, das ist nicht derjenige, der mir die Tageseinnahmen aus der Hand riss."
Konopatzke schluckte. "Überlegen Sie bitte noch einmal genau", sagte er.
Frau Schling erstarrte plötzlich. Aus dem Nebenzimmer hörte sie eine Stimme: "…er war mächtig sauer auf seinen ehemaligen Arbeitgeber!"
"Das ist sie! Das ist genau die Stimme des Täters!", rief sie aufgeregt, "da, im Nebenzimmer!"
Konopatzke schaute verblüfft seinen Kollegen an, stand dann auf und öffnete die Zwischentür. Dort saß Siegbert und gab seine Aussage zu Protokoll.
 
Darius war ebenfalls aufgestanden und starrte seinen alten Schulfreund an. "Du Verräter", flüsterte er, "deshalb hast du mich damals so genau gefragt, wie dass bei uns mit der allabendlichen Abrechnung gehandhabt wird!"
 
 
 
 

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