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Vierblätteriger Klee
 
Veit suchte im Gras am Rande des Kornfeldes nach einem vierblätterigen Kleeblatt. Er wollte sich so ein Exemplar trocknen und als Glücksbringer in die Tasche stecken, denn etwas Glück konnte er wirklich gebrauchen. Es regnete, und Veit suchte und suchte, fand aber auf den paar Quadratmetern, die er immer wieder mit den Händen durchkämmte, überhaupt keinen Klee, nur Disteln, Löwenzahn und Gras. Je länger er suchte, desto mehr verließ ihn der Mut: "Ach, ich habe doch ewig Pech im Leben. Dabei haben viele andere hier an diesem Kornfeld schon vierblätterigen Klee gefunden, nur ich suche vergeblich."
 
Er merkte nicht, dass ein alter Schäfer mit einem langen Vollbart hinter ihm aufgetaucht war und ihn schon eine Weile beobachtete.
Veit dachte wieder einmal darüber nach, was in seinem Leben alles schiefgelaufen war in letzter Zeit. Seinen Arbeitsplatz hatte er verloren, seine Frau hatte sich von ihm getrennt, und jetzt kroch er hier am Rande des Kornfeldes herum und war vom Regen schon durchnässt. Es war zum Verzweifeln, und er kämpfte mit den Tränen.
 
"Was suchst du denn da, hast du deinen Schlüsselbund oder dein Geld dort verloren?", fragte der Schäfer.
Veit drehte sich um. Er sah den alten Mann, der dort mit einem grob geschnitzten Spazierstock in der Hand, und mit einem dunklen Regenmantel bekleidet, hinter ihm stand. Die Schafsherde stand etwas abseits auf der Weide. Veit merkte sofort, dass dies kein schlechter Mensch war, denn da war diese besondere Ausstrahlung, wie sie nur sehr wenige besitzen. Sein Gefühl hatte ihn da noch nie getäuscht.
 
Es dauerte eine Weile, bis Veit antwortete: "Ich suche ein vierblätteriges Kleeblatt".
Der Schäfer hob den rechten Arm und zeigte damit am Rand des Kornfeldes entlang. Er sagte: "Sieh doch mal, wie lang dieses Feld ist. Warum suchst du die ganze Zeit so verbissen an dieser einen Stelle? Den Klee, den du suchst, findest du ungefähr hundert Meter weiter."
Veit nickte, stand langsam auf und ging in die Richtung, die der Schäfer ihm gezeigt hatte. Der Regen hörte auf.
 
 
 
Am Tag, als der Regen kam
 
Gerrit schob seinen Einkaufswagen durch die Ausgangstür des Supermarktes nach draußen, sein Auto stand am anderen Ende des Parkplatzes. Er blieb unter dem Vordach stehen, weil die Sonne während seines Einkaufes einem Sommergewitter Platz gemacht hatte. Er beschloss, das Ende des Regens abzuwarten, obwohl das seinen Zeitplan etwas durcheinander brachte.
 
Ein kleines Mädchen, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, stand mit seiner Mutter im verglasten Eingangsbereich. Es war mit einem rosa Pullover, und einem lilafarbenen Röckchen bekleidet, presste seine Nase an die Scheibe, und schaute mit offenem Mund staunend nach draußen. Für sie gab es jetzt kein gestern, kein morgen, kein vorhin, kein demnächst. Es gab nur dieses Naturschauspiel, und Gerrit verfolgte, etwas neidisch, ihre Blicke. Es war manchmal gar nicht so einfach, erwachsen zu sein, man musste sich um so viel kümmern, dass man viel zu selten wirklich in der Gegenwart lebte. Fast immer kreisten die Gedanken irgendwo in der Zukunft, die noch gar nicht da war, oder in der Vergangenheit, die man sowieso nicht mehr ändern konnte.
 
Gerrit sah, wie die Regentropfen ein Stakkato auf die Autodächer trommelten, wie das Wasser sich in Sturzbächen seine Wege zum nächsten Gully bahnte, der die Massen kaum schlucken konnte. Er sah, wie die Blitze für kurze Augenblicke im Zickzack durch den Himmel zuckten, hörte, wie kurz darauf der Donner krachte. Wann hatte er zuletzt mit einer solchen Aufmerksamkeit den faszinierenden Ablauf eines ganz normalen Sommergewitters verfolgt? Es musste Jahrzehnte her sein. Als er so dem Regen zusah, verschwand allmählich die Zeit um ihn herum, bis es kein gestern, kein morgen, kein vorhin und kein demnächst mehr gab. Das längst verloren gegangene Kind in ihm war für diesen Augenblick zurückgekehrt, alle Sorgen und Probleme der Erwachsenen waren mit dem Regen fortgespült worden, und einfach in den Gully gelaufen. In seinem Kopf hörte er Van Morrison das Lied " In The Garden" singen, und wie von einem Druck befreit, hat er wieder geweint, nach ewiger Zeit. Für Kinder ist das kein Problem.
 
 
 
 

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